Interview mit Frank Jurkat, Vorsitzender des Aktionsbündnisses Gegenwind-SH, in dem sich 60 Bürgerinitiativen aus S-H gegen den vom Land geplanten Ausbau der Windkraft-Standorte zusammengeschlossen haben.

1) Die Windenergie wird, parteiübergreifend in Schleswig-Holstein, als „Herzkammer“ (Grüne), „Schrittmacher“ (SPD) und der „richtige Weg“ (CDU) für die Energiewende bezeichnet. Sie bestimmt schon jetzt, aktuellen Angaben zufolge, nahezu 50 Prozent des Nettostromverbrauchs in Schleswig-Holstein. Eine gute Nachricht?

Jurkat: Windenergie ist definitiv der falsche Weg, um eine Energiewende herbeizuführen. Dass Windstrom nahezu 50 Prozent des Nettostromverbrauchs abdeckt, ist eine Lüge. Tatsächlich haben die vorhanden Windkraftwerke in Deutschland im November 2011 im Mittelwert nur 14,5 Prozent der installierten Nennleistung und im Dezember 2011 immerhin noch 38,5 Prozent ihrer installierten Nennleistung produziert. Damit haben die deutschen Windkraftwerke zu einem verschwindend geringen Teil zur Stromversorgung beigetragen. Und das bei in Deutschland bereits errichteten rund. 22.300 Windkraftwerken. Hier wird die Stromversorgung und Netzsicherheit in unverantwortlicher Weise nicht nur aufs Spiel gesetzt. Hier wird diese zerstört. Windstrom ist Zufallsstrom und kann niemals Strom aus Kohle- und Kernkraftwerke ersetzen. So unbefriedigend das ist, so wahr ist es. Wir versäumen, uns mit anderen Formen der Stromerzeugung aus konventionellen und sog. erneuerbaren Energiequellen auseinanderzusetzen und echte Alternativen zu entwickeln.

 

2) Welche wären das?

Jurkat: Zum Beispiel Geothermie. Schleswig-Holstein gehört zu den Landschaften, die besonders geeignet dafür sind. Natürlich darf auch das nicht ohne Bürgerbeteiligung gehen und muss mit Bedacht vorangetrieben werden und nicht wie im südbadischen Staufen, wo im Zuge innerstädtischer Bohrungen  (ohne vorherige Probebohrungen) Wasser in Gipsschichten eindringt und die Oberflächenbewegungen die Stadt förmlich zerreißen. Wir vom Landesverband sind keine St. Florianer. Windkraftwerke sind ökologischer und ökonomischer Unsinn. Und das nicht nur in Schleswig-Holstein.

 

3) Sie leben im Herzogtum Lauenburg. Wie sind Sie konkret vom Ausbau der Windenergie in Schleswig-Holstein betroffen?

Jurkat: Bei uns in der Gemeinde Schiphorst stehen vier Windkraftwerke mit je 100 Metern Höhe. Vier baugleiche Windkraftwerke stehen in der direkten Nachbargemeinde. Auch wenn es gegenüber heutigen Windkraftwerken (WKW) mit 150 – 180 Metern Höhe eher kleine WKW sind, leiden wir und unsere Nachbarn schon heute bei entsprechenden Wind- und Wetterlagen an den Lärmemissionen, die erzeugt werden. Und das, obwohl die WKW immerhin rund 700 Meter entfernt stehen. Für Anwohner, die solche oder die heutigen Bauarten in 400 bis 500 Metern Entfernung haben, bedeutet der Lärm Körperverletzung.

 

4) Also: Klimaschutz und Energiewende –  Ja bitte, aber nicht vor der eigenen Haustür?

Jurkat: Zur ganz persönlichen Haustür meiner Familie. Wir haben eine Solarthermie-Anlage auf dem Dach. Wir erzeugen Warmwasser mit Solarenergie und sparen Heizöl. Wir leben nicht von der Subvention des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) auf Kosten anderer und speisen keinen „Sonnenstrom“ in ein Netz ein, das diesen eh nicht benötigt. Damit sparen wir – derzeit kostspieliger als Heizöl zu verbrennen – einen endlichen Energieträger, nämlich Öl.

 

5) Was hat Sie so aufgebracht, dass Sie sich dem Ausbau der Windkraft entgegenstellen?

Jurkat:  Mehrere Faktoren. Früher dachte auch ich beim Anblick von Windkraftwerken, das sei eine sinnvolle Alternative. Durch die direkte Konfrontation mit Windkraftwerken, der direkten Beobachtung der Stillstandszeiten und der Recherche dazu, der Auswirkungen auf die Umwelt und der Informationssammlung zu Klima, EEG, gesundheitliche Auswirkungen, Energiepolitik und –Versorgung, zur Korruption auf Gemeindeebene im Zusammenhang mit der Planung und Errichtung von Windkraftwerken bin ich zum strikten Gegner des Ausbaus der Windkraft geworden.

 

6) Was möchten Sie mit dem Aktionsbündnis Gegenwind-SH erreichen?

Jurkat: Nahziel: Ein Mindestabstand der Windräder von 2000 Metern zu jeglicher Wohnbebauung. Es ist nicht nachvollziehbar, warum die Gesundheit von Menschen in sogegannten Splittersiedlungen weniger Wert sein soll (und geringere Abstände zulässt) als die Gesundheit von Menschen, die in Gemeinden und Städten leben. Außerdem den Stopp des Baus weiterer Windkraftwerke. „Fernziel“: Rückbau aller Windkraftwerke und eine Wende in der Energiewende. Weg vom Lobbyisten-gesteuerten EEG mit seinem Zufallsstrom aus Sonne und Wind, hin zu einer marktwirtschaftlich und sozial orientierten Energiewende,  die einen notwendigen, schonenden Umgang mit unseren Energie-Ressourcen zum Ziel hat.

 

7) Könnten Sie nicht auch von der Windkraft profitieren, in dem Sie in einen Bürgerwindpark investieren?

Jurkat: Ich würde niemals in einen sogenannten “Windpark“ investieren. Abgesehen davon, dass das in der Regel sowieso Mogelpackungen sind. Bei Investitionen von 3,5-5 Millionen Euro pro WKW und einer Größe von 4 bis 8 (oder mehr WKW) und einer Beteiligung der Bürger einer Gemeinde von insgesamt 800.000 oder 1.000.000 Euro gehört den Bürgern noch nicht einmal ein WKW. Trotzdem wird so etwas als „Bürgerwindpark“ bezeichnet. Außerdem sind solche Beteiligungen Hochrisikoanleihen, wie Gerichte und die sich häufenden Windpark-Insolvenzen immer wieder bestätigen. Gäbe es – genauso wie anscheinend bei den Lärmgutachten – nicht so viele Gefälligkeitsgutachten zum Thema Windhöffigkeit, dann gäbe es weniger abgezockte Verbraucher und Investoren.