Die zweite Anhörung der Online-Beteiligung zur Teilfortschreibung der Regionalpläne in Schleswig-Holstein endet am 11.07.2012

Allgemeine Stellungnahme des Landesverbandes Für Mensch und Natur – Gegenwind Schleswig-Holstein e.V.

Sehr geehrter Herr Tasch

Wie bereits im Zusammenhang mit der ersten Anhörung, nehmen wir auch zur zweiten Anhörung nachfolgend Stellung.

Vorher weisen wir nachdrücklich darauf hin: Sollten wieder, wie bei der ersten Anhörung, Flächen nachgemeldet werden, zu denen wir Bürger dann an dieser Stelle keine Stellung nehmen können, weil diese Meldungen nicht Bestandteil der zweiten Anhörung sind, erachten wir diese Anhörung als rechtswidrig und ungültig. Nötigenfalls werden wir das von einem Gericht feststellen lassen.

  1. Wir fordern keine Genehmigung neuer Windkraftwerke, auch kein Repowering in Schleswig-Holstein.
  2. Wir fordern einen Rückbau bestehender Windkraftwerke bis 100m Höhe auf einen Mindestabstand von 2.000 m zur Wohnbebauung und den Rückbau bestehender Windkraftwerke > 100m Höhe auf einen Mindestabstand von 3.000m zur Wohnbebauung. Die Unterscheidung zwischen 800m zu Wohn-gebieten und 400 m zu Einzelgehöften teilt die Menschen in zwei Klassen ein und berücksichtigt nicht die Forschungsergebnisse zu Gesundheitsschäden durch Lärm und Infraschall von Windkraftwerken, auf die ich nachfolgend eingehe.
  3. Wir fordern neutrale Lärmgutachten. Die heute durch Errichter und Betreiber bezahlten Gutachten verneinen regelmäßig die Impulshaltigkeit des Lärms, der von Windkraftwerken ausgeht, der für jeden hörbar ist und durch von Gerichten beauftragte, neutrale Gutachter auch immer wieder bestätigt wird. Die Betreiber-Gutachten können somit als mindestens unvollständig, wenn nicht falsch bewertet werden und dürfen keine Grundlage für Genehmigungsentscheidungen sein.
  4. Wir fordern die Berücksichtigung des Gutachtens zum Thema Flughafen-Lärm, der feststellt, dass dauerhafter Lärm > 40dBA gesundheitsschädlich ist. Die TA Lärm berücksichtigt diese wissenschaftlichen Ergebnisse noch nicht. Der Schutz des Menschen muss hier Vorrang haben und die Untersuchungs-ergebnisse in den Entscheidungsprozess einfließen.
  5. Wir fordern grundsätzlich reale Schallpegelmessungen an bestehenden sog. „Windparks“ zur Verifizierung der Betreibergutachten vor Errichtung. Im Genehmigungsverfahren nach der TA Lärm gibt es nur Schallimmissions-prognosen nach DIN 9613-2, also nach dB (A)-bewertete Prognoseberechnungen. Reale Schall-Pegel-Messungen am Ort der möglichen Belästigung im Wohnbereich sind nicht vorgesehen, auch nicht im Beschwerdefall.
  6. Wir fordern die Bewertung der Immissionen durch tieffrequenten Schall (90-20 Hertz) und Infraschall (< 20 Hertz) im Genehmigungsverfahren.

Die Schallimmissionsprognose nach dB (A) gemäß TA Lärm ist zur Ermittlung von real auftretenden Schallpegeln tieffrequenter Geräusche in einer Entfernung von bis zu 2 km nichtgeeignet. Die dort auftretenden Schallpegel bedeuten real eine permanente Geräuschbelästigung mit gesundheitlichen Folgen. Insofern besteht aktuell kein Anwohnerschutz in der Nähe großer Windkraftanlagen. Die Genehmigungspraxis muss sofort aktualisiert werden. Für tieffrequenten Schall-Komponenten unterhalb von 90 Hz für den Außenbereich im Fernfeld

gibt es noch keine sichere Beurteilungsgrundlage. Hierfür reichen auch die DIN-Normen 45680 (C-bewertete Schallpegel für tieffrequente Geräusche) und 45681 (Tonzuschlag-Ermittlung für Fernfeld bei Nachweis tieffrequenter Töne nach DIN 45680) nicht aus, da die Berechnung nach DIN 45681 bei 90 Hz abbricht und für tiefere Töne keine Ermittlung liefert. Für Übergänge vom Außenbereich in Gebäudeinnenbereiche liegt überhaupt keine Ermittlungsgrundlage vor. Demgegenüber liegen aus der ganzen Welt Beschwerden von Anwohnern in der Nähe von Windkraftanlagen vor, die über tieffrequente Geräuschbelästigung in 2 – 2,5 km Abstand zu großen Windkraftanlagen (abhängig vom Wind) berichten, obwohl die jeweiligen Schallimmissionsprognosen nach dB (A) unter den jeweils zulässigen Grenzwerten liegen. Das Robert-Koch-Institut nimmt diese Beschwerden in seinen Empfehlungen zu Infraschall und tieffrequentem Schall sehr ernst (2007). Die amtliche Lärm-Bewertungs-Vorschrift „TA Lärm“, auf die sich die Investoren bei ihren Aussagen zur Abstandssicherheit berufen, benutzt keine wissenschaftlichen Messungen am Ort der Belästigung, sondern Schallimmissions-Prognosen, die Messergebnisse am Schallerzeugungs-ort auf Entfernungen umrechnen und bewerten über Interpretationsgrundlagen für die Wahrnehmung von Tönen und Geräuschen, die für mittlere und hohe Töne recht viel Sinn macht. Ihre Anwendung bei tiefen Frequenzen im Außenbereich im Fernfeld führt nachweislich zu falschen Ergebnissen, bei Infraschall ist sie völlig unsinnig und unseriös. Das ist wissenschaftlich nachgewiesen. Die Folgen der unvollständigen, falschen, bisweilen vielleicht auch manipulierten Lärmgutachten, mit der Konsequenz zu geringer Abstände zwischen Windkraftwerken und Wohn-bebauung, sind Konzentrationsstörungen, Gedächtnisstörungen, Bluthoch-druck, Panik/Angst, innere Unruhe, Schwindel, Schlafstörungen, labilisierte emotionale Lage, Tinnitus bei den Anwohnern und damit von den Genehmi-gungsbehörden mindestens bewusst in Kauf genommene Körperverletzung.

  1. Wir fordern die Berücksichtigung der im EEG als Referenzertrag beschrieben Windhöffigkeit im Genehmigungsverfahren und die neutrale Überprüfung dieser sog. Wind-Gutachten. Die Insolvenzen und Einnahmerückgänge bei bestehenden sog. „Windparks“ belegen, dass die Windgutachten falsch oder gar geschönt sind, um trotz Unterschreitung von 60% des Referenzertrages (schlechte Eignungsstufe zur Windkraftnutzung) oder auch nur in mäßig geeignete Gebiet zur Windkraftnutzung mit einem Referenzertrag zwischen 60 und 100% bauen zu können.
  2. Wir fordern: Keine Vorrangflächen für die Windkraftwerks-Industrie gegen-über Landwirtschaft und Natur. Das Wirtschaftsministerium Schleswig-Holstein hat noch bis 2009 mit einem Flyer für den Kohlekraftwerksausbau u.a. in Bruns-büttel geworden, aus dem das nachfolgende Zitat entnommen ist: 92% der Wind-energieleistung müssen durch andere, insbesondere konventionelle Kraftwerks-Leistung gestützt werden. Diese Kraftwerke ergänzen die unterschiedliche Wind-stromleistung und sorgen dafür, dass die Netzkapazität optimal ausgenutzt ist. Damit ersetzen Windkraftwerke keine konventionellen Kraftwerke, inkl. Kernkraft-werken, und dienen nicht der Stabilität und des Ausbaus unserer Stromver-sorgung. Die Ausweisung von Windeignungsflächen ist somit rechtswidrig.
  3. Unter Berücksichtigung der offensichtlich unvollständigen, möglicherweise sogar fehlerhaften Meßmethoden der bundesdeutschen WEA-Hersteller im Rahmen der vorgeschriebenen Lärmprognosegutachten fordern wir alle Betroffenen auf, im Rahmen des öffentlich-rechtlichen Nachbarschutzes die zuständigen Bauordnungsämter veranlassen, ihrer gesetzlichen Verpflichtung aus §§ 24 bis 25 Verwaltungsverfahrensgesetz (Amtsermittlungsmaxime) nachzugehen und an den Wohnhäusern der Betroffenen Infraschall sowie Mittelfrequenzschall, ausgehend von den WEA, zu messen, ferner medizinische Explorationen der extraauralen Stressoren durchzuführen. Wegen der international anerkannten Fachkompetenz sollten Betroffene darauf drängen, daß die Dortmunder Professorin Griefahn (Institut für Arbeits- und Umweltphysiologie) und der Jenaer Privatdozent Dr. Bartsch (Institut für Arbeits- und Umweltmedizin) mit den Untersuchungen beauftragt werden.

Zufallsstrom aus Windkraftwerken kann niemals die Stromerzeugung aus konventionellen Kraftwerken für die Grundlastversorgung ersetzen. Dieser ökologische und ökonomische Irrsinn muss gestoppt und darf nicht zu Lasten der Gesundheit der Landbevölkerung in Schleswig-Holstein und gegen jede Vernunft umgesetzt werden.

Anhang Quellenangabe:

Dr. med. Manfred Nelting, Bad Arolsen, Windkraft „strahlt“ auch – über die gesundheitlichen Gefahren durch 1. Infraschall und 2. tieffrequente Geräusche, Nov. 2010

  1. Ising et. alt., Infraschallwirkungen auf den Menschen,

Bundesgesundheitsamt, VDI-Verlag, 1982

  1. Ceranna et. alt., Der unhörbare Lärm von Windkraftanlagen –

Infraschallmessungen an einem Windrad nördlich von Hannover, Bundesanstalt

für Geowissenschaften und Rohstoffe, 2005

Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes: Infraschall und tieffrequenter Schall

– ein Thema für den umweltbezogenen Gesundheitsschutz in Deutschland?

(Mitteilung der Kommission „Methoden und Qualutätssicherung in der Umweltmedizin)

  1. Weiler, Auswirkungen einer subliminalen Beschallung mit einer Frequenz von

4 Hz, 8 Hz, und 31,5 Hz auf die elektroenzephalographische Aktivität eines

weiblichen Probanden, Neuronet GmbH, St Wendel, 2005

Pedersen.E, van den Berg F, Bakker R, Bouma J. Response to noise from

modern wind farms in The Netherlands, Halmstad university and university of Gothenburg, Sweden, 2009

Wirtschaftsministerium Schleswig-Holstein