Leserbrief zu: „Unternehmen klagen: Politik lässt uns im Stich“ Husumer Nachrichten 15.3.2017

Klage ist des Kaufmanns Gruß

Die Unternehmer klagen, dass die Politik sie im Stich lasse – erstaunlich, da ausgerechnet in Schleswig Holstein die Einwohner den ausufernden Begehrlichkeiten der Windbranche von die Politik der Wirtschaft ausgeliefert und geopfert werden, selbst wenn dazu Gerichtsurteile ignoriert und uminterpretiert werden müssen. Da weder Konzepte zur Nutzung großer Mengen fluktuierenden Windstroms, noch Leitungen zum Abtransport des Problems und schon gar nicht Speichertechniken in den erforderlichen Dimensionen verfügbar sind, kann man selbst vom irrational-windverliebten Ministerpräsidenten wohl nicht mehr verlangen – außer vielleicht noch einer Abgabe auf nicht angeschaffte und nicht betriebene Elektrogeräte – nach dem Muster der absurden „GEZ-Schutzgeldforderungen“.

Ein richtiger Unternehmer hingegen kennt sein Produkt und das geschäftliche Umfeld, kennt die Vorzüge – aber auch die Grenzen seiner Technologie und beschäftigt sich mit der Entwicklung der Märkte und weiß daher möglichst rechtzeitig, wann das Ende des Wachstums erreicht ist und es Zeit ist, sich um Innovationen und Weiterentwicklungen zu kümmern, um eine nachhaltige, verantwortliche und sozialverträgliche Geschäftsentwicklung zu sichern. Ein richtiger Unternehmer verlässt sich dabei nicht auf ein Wunschkonzert der eigenen Forderungen  – auch wenn die derzeitige Landesregierung den Eindruck eines, auf Zuruf der Wirtschaft musizierenden Schulorchesters macht. Von der Sorte der richtigen Unternehmer gibt es leider  zu wenige  – der Rest, der nur noch auf kurzfristige Einkommensmaximierung fixiert ist, versteht davon nichts, bläst ein beliebiges Geschäftsmodell auf, verkauft das Geschäft dann an beliebige andere „Investoren“ (oder Heuschrecken) und jammert (selbst aber wirtschaftlich bestens versorgt), dass man ja in Deutschland als Unternehmer einen schweren Stand hat.
Haben diese Möchtegern-Unternehmer sich rechtzeitig um die nachhaltige Nutzung von Windenergie gekümmert? Sind rechtzeitig Geräte, Maschinen und Technologien zur sinnvollen Nutzung fluktuierenden Windstroms entwickelt worden? Hat man diese offensichtlichen Zukunftsmärkte erkannt, die ja eigentlich zwingend für eine tatsächliche Energiewende erforderlich sind? Haben Unternehmen und die Windbranche sich von einer quantitativ expansiven Windmühlen-Monokultur in Richtung sich qualitativ entwickelnder Energieanbieter weiterentwickelt? Gibt es eine echte CO2 Einsparung durch Windenergie, für die ja auch entsprechende Folgetechnologien und Geschäftsmodelle erforderlich wären? Das Motto scheint bisher lediglich zu lauten, mehr, höher, größer, gewaltiger – bis auch auf der letzten Hallig Riesenmühlen stehen und den Leuten bei Wind der Strom schon aus den Ohren herauskommt.

Haben solche „Experten“ mal darüber nachgedacht, dass im Zuge einer tatsächlichen  Energiewende Güterverkehr eigentlich auf eine elektrifizierte Bahn gehört und archaisch- infantile Forderungen nach immer mehr Straßen, die ja auch einen zunehmend Erhaltungsaufwand zur Folge haben, in einer verkehrsökonomischen Kamikazeaktion enden dürften? Das Verkehrssystem wird sich in den nächsten Jahren ändern (müssen) – sollte man nicht zunächst ergründen in welche Richtung die Entwicklung gehen wird, bevor Geld ausgegeben wird, welches sich selbst in 50 Jahren nicht amortisiert haben wird? Sollten nicht zukunftsorientierte Mobilitätskonzepte (weiter-) entwickelt werden? Wie lange und in welchem Umfang wird die Wirtschaft wohl hauptsächlich LKW-basiert sein – oder wird es in den kommenden Jahrzehnten sogar in Schleswig-Holstein eher eine Entwicklung zu Know-How-basierter Wirtschaft geben?
Es ist anscheinend einfach, absurde und sogar unverschämte und dumme Forderungen zu stellen, wenn man sich selbst nicht mehr als mit-verantwortlicher Teil der Gesellschaft, sondern nur als Nutznießer begreift. Die Wirtschaft ist aber Teil der Gesellschaft – die Gesellschaft hingegen ist nicht lediglich Nährboden für die Wirtschaft, auch wenn die Politik dies oft vergisst.

Mit solch altertümlich-egozentrischen Sichtweisen ist es auch verständlich, dass  „die Wirtschaft“ die Probleme wohl auch hauptsächlich bei der Verkehrsinfrastruktur und ausmacht und nicht berücksichtigt, dass z.B. auch Wohnungen, Kitas, Schulen, Freizeitmöglichkeiten, medizinische Versorgung der Mitarbeiter einen wesentlichen Standortfaktor ausmachen. Erweiterte Bildungsmöglichkeiten könnten dabei auch nicht schaden, da sich ansonsten auch das Problem mit einem „savantartigem Unternehmertum“ sich mangels Bildungsoptionen in der Region dauerhaft verstetigen könnte.

Sich um innovative Lösungen bei Energiespeicherung, thermischer Nutzung, Elektromobilität zu kümmern, hat die Branche bisher hauptsächlich den gern belächelten Aktivisten, Bastlern und Kleinunternehmen  der ersten Stunde überlassen. Innovative Grüppchen  und Idealisten, die schon damals den Weg für die Windenergie erschlossen haben, aber von der reinen Geldgier zumeist vertrieben wurden. Jetzt spring die Meute, in Erwartung dass potentielle Gewinne aus Windenergie-Folgetechnologien/Begleittechnologien wiederum von der Politik mit Geld der Allgemeinheit zusätzlich versüßt werden und sich so neue Gelddruckmaschinen entwickeln werden, auf den anrollenden Zug auf.

„Senvion“ hat hingegen alle Züge verpasst und wohl lediglich das Klingeln der Börsenglöckchen wahrgenommen. Nun, da absehbar ist, dass die vernünftig begründbare Aufnahmefähigkeit der Energiemärkte für Windstrom und, selbst bei menschenfeindlichster Auslegung der Windkraft-Planungskriterien, Flächen für weitere Windenergieanlagen, endlich sind, ist es eben mit ewiger Expansion vorbei – und in potentiellen Auslandsmärkten wird die Entwicklung in Deutschland auch eher kritisch beobachtet. Mit einem Standort an einem Hafen kann man ja auch kaum über mangelnde Verkehrsinfrastruktur für Senvion meckern, erlaubt doch so ein Hafen den kostengünstigen Transport von zunehmend schwergewichtigen und überdimensionalen Waren und Produkten auch ins Ausland. Technologie, die über keine, noch so vielspurige, Brücke, keine Autobahn und keine Bundestrasse transportierbar wären. Die Jobverluste sind daher das Resultat einer gierigen, nicht nachhaltig ausgelegten und durchdachten Geschäftsentwicklung, welche zwangsläufige Veränderungen am Markt ausgeblendet und keine nachhaltige Unternehmensentwicklung verfolgt hat. Das Management wärmt sich an solchen wirtschaftlichen Strohfeuern mit hohen Vergütungen und Boni, zieht dann weiter oder kann sich zur Ruhe setzen – die Arbeiter bleiben neben kalter Asche zurück.

Selbst wenn MP Albig weiterhin gesundheitliche Risiken und Beeinträchtigungen durch zu nahe an Wohnbebauung heranrückende Windenergieanlagen – entgegen bekannter wissenschaftlicher Fakten- leugnet, selbst wenn Deppen ignorieren, dass am Tourismus (und in den Zusammenhang gehören auch Vogelnester, Fledermäuse, Landschaft und Kulturgüter)  weit mehr als 100.000 Arbeitsplätze im Land hängen, selbst wenn andere Wirtschaftsbereiche ausgeblendet werden  –  dann fürchte ich, dass man von Politik und wohl auch von einigen (windigen) Schreihälsen aus der Wirtschaft nicht erwarten kann, nachhaltige, stabile, konstruktive und zukunftsorientierte Entwicklungskonzepte für ein Zusammenspiel von allen Wirtschaftsbereichen in  Schleswig-Holstein auf die Beine zu stellen.  Dazu stehen die eigenen, kurzsichtigen, aber lautstark vorgetragenen, Begehrlichkeiten viel zu sehr im Focus.
Statt Ideen zu entwickeln und sich verantwortlich und sozialkompatibel um die eigene Geschäftsentwicklung zu kümmern, bleiben nur Forderungen an die Politik (d.h. letztendlich an den Geldbeutel der Bürger), Schuldzuweisungen und Gejammer. Und dabei sollen dann Probleme von morgen und übermorgen mit Konzepten von gestern und vorgestern gelöst werden – aber so ein Unfug ist ja anscheinend derzeit überall gesellschaftsfähig und „modern“.

Gerade die Forderungen an die Politik wirken dabei schon ein wenig absurd, da ausgerechnet diese sich eben erst recht nicht aus vorausschauenden Unternehmern und Managern rekrutiert. Daher wird in der Politik geradezu systematisch versäumt, reale Chancen auszumachen und zu fördern, aber auch wirtschaftlichen Wildwuchs zu begrenzen und ein effizientes Management zu betreiben. Das bedeutet aber, dass absehbar untaugliche Geschäftsmodelle (letztendlich immer zu Lasten der Bevölkerung) weitergeführt werden und die Bevölkerung die Lasten der Gewinnmaximierung für Wenige und von Umweltzerstörung und Arbeitsplatzverlust für Viele zu tragen haben. Man fragt sich, wie lange so etwas akzeptabel sein kann und wann einigen Wirtschaftsschreihälsen das Gezeter über (letztendlich auch eigene) Versäumnisse peinlich wird. …. aber wir leben ja gerade nicht in einem „Zeitalter der Vernunft“.

Uwe Krüger
Uelvesbüll