von Steffen Gross
Region Wetzlar

Zwölf Minuten bleiben bis zum Stromausfall
Mit der Energiewende droht Verbrauchern künftig die Zwangsabschaltung

Wetzlar Durch immer mehr Wind- und Solaranlagen gerät die Stabilität der Stromnetze in Gefahr. Um den großen Blackout zu verhindern, sind Netzbetreiber wie Enwag verpflichtet, einzelne Verbraucher oder ganze Stadtteile abzuschalten. 12 Minuten Reaktionszeit bleiben ihnen dafür. Wer schon einmal von einem Stromausfall überrascht wurde, kennt die weitreichenden Folgen. Nichts geht mehr – kein Licht, keine Heizung kein Herd, kein Telefon, kein Computer. Noch unangenehmer kann es werden, wenn Aufzüge steckenbleiben und Produktionsmaschinen ausfallen. Solche Ausfälle könnten künftig geplant, aber genauso
plötzlich auftreten. Denn im Energiewirtschaftsgesetz hat der Gesetzgeber den Stromnetzbetreibern vorgeschrieben, Vorsorge für die Netzstabilität zu treffen. Die Lösung heißt Kaskadierung, dem großen Knall soll mit der Abschaltung einzelner Kunden oder ganzer Netzgebiete zuvorgekommen werden – je nach Bedarf. Die Kaskadierung ist gesetzliche Norm und Wasser auf die Mühlen der Windkraftgegner.

Stromerzeugung der Erneuerbaren schwankt und ist – anders als bei Kraftwerken – nicht steuerbar!

Wind- und Sonnenenergie haben ihre Tücken: Je besser die Wetterbedingungen, desto mehr
Strom wird erzeugt und umgekehrt. Die Stromproduktion der Erneuerbaren unterliegt starken
Schwankungen und ist – anders als bei Kraftwerken – nicht steuerbar. Überlast und Unterlast
bedrohen die Stabilität der Netze. Mit der fortschreitenden Energiewende und Abschaltung
aller Atomkraftwerke bis 2021 wächst die Wahrscheinlichkeit gigantischer Stromausfälle.
Unterlast: An windigen Sonnentagen kann zu viel Strom ins Netz gelangen, vor allem in der
Haupturlaubszeit, wenn viele Verbraucher im Urlaub sind. Überlast: Zu wenig Strom im Netz
während der Verbrauch auf Hochtouren läuft, droht dagegen, sollten Wind und Sonne
ausfallen, etwa an dunklen Wintertagen. In beiden Fällen besteht das Risiko eines
Zusammenbruchs der Netze über alle Ebenen.
Experten sind sich darüber einig, dass dem Lastenproblem in Zukunft nicht mehr in jedem
Fall mit dem Abschalten von Wind- und Solaranlagen oder Netzumleitungen beizukommen
ist. Strom- und Netzreserven haben ihre Grenzen. Die Einsätze dieser Maßnahmen zur
Beeinflussung der Netzlasten im Vorfeld der Kaskadierung haben in den vergangenen Jahren
dramatisch zugenommen. Schon 2015 betrugen die Kosten dafür mehr als eine Milliarde
Euro, die über die Netznutzungsentgelte von allen Kunden getragen werden müssen.
Vor rund zwei Jahren dann haben sich bundesweit Netzbetreiber an das Projekt Kaskadierung
gemacht, auch Fachleute der Wetzlarer Enwag waren beteiligt. Die Abschaltungskaskade
verläuft über alle vier Netzebenen, vom Übertragungsnetzbetreiber an der Spitze bis hinab
zum Verteilernetzbetreiber, in hiesigen Breiten die Energienetz Mitte GmbH, und den
Stadtwerken.

Den lokalen Netzbetreibern bleibt wenig Zeit, wenn die Aufforderung zur Abschaltung
kommt
Wenn von „oben“ die Aufforderung zur Abschaltung per E-Mail kommt, bleibt den lokalen
Netzbetreibern wie Enwag wenig Zeit. Bislang beträgt die vorgeschriebene Reaktionszeit eine
Stunde, ab Februar 2019 sollen es nur noch zwölf Minuten sein. Bis dahin haben die
Netzbetreiber Zeit, sich organisatorisch darauf einzustellen.

Enwag-Geschäftsführer Detlef Stein hatte im Interesse aller Stadtwerke beim Verband der
Elektrotechnik Elektronik und Informationstechnik (VDE) Einspruch gegen die Zwölf-
Minuten-Regel eingelegt und war abgeblitzt. Das sei für die kleineren Netzbetreiber, die
üblicherweise nicht über dauerbesetzte Leitwarten verfügten, nicht einzuhalten, kritisierte er.
Die Enwag wird sich nun mit einem Dienstleistervertrag mit der Energienetz Mitte GmbH
und deren beiden Umspannwerken Altenberger Straße und Rechtenbach behelfen.
Ebenfalls erfahren wollte Stein, was auf die Enwag im Fall der Fälle zukommt, welche
Megawattmengen in kürzester Zeit abgeschaltet werden müssen. Doch auch dazu gab es
nichts Konkretes. In zwei Testläufen war es mal um ein, dann um acht Megawatt gegangen –
also rund ein Fünftel der Höchstlast von 43 Megawatt im gesamten Enwag-Netz. Der größte
Einzelverbraucher in Wetzlar kommt auf etwa ein Megawatt.
Mit dem Abschalten einzelner Großkunden sei es bei acht Megawatt nicht mehr getan, sagte
Stein, dann müssten komplette Stadtteile für mehrere Stunden vom Netz genommen werden.
An eine Vorwarnung der betroffenen Kunden sei in der Kürze der Zeit nicht zu denken. Die
Abschaltung komme so einer Netzstörung gleich.
Dem Energiewirtschaftsgesetz zufolge sind alle Kunden gleich, die Abschaltungen müssen
„diskriminierungsfrei“ erfolgen. Sensible Kunden gibt es nicht, wenn abgeschaltet wird, kann
es auch Krankenhäuser, Feuerwehr oder Polizei treffen.
Nicht nur ihnen, auch Industrieunternehmen, Arztpraxen, Gewerbe und stark von Strom
abhängigen Haushaltskunden empfiehlt der Enwag-Chef, Vorkehrungen für die Bewältigung
des Stromausfalls zu treffen. Denn Schadensersatzansprüche schließe das Gesetz aus, alle
Kosten, ganz gleich welcher Höhe, bleiben am Verbraucher hängen.

„Wir hoffen, dass es der Ausnahmefall bleibt, aber garantieren kann man das nicht.“
Wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Kaskadierungsfall eintritt, kann heute niemand
sagen. Sie wird wachsen, wenn die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen. Stein: „Wir
hoffen, dass es der Ausnahmefall bleibt, aber garantieren kann man das nicht.“ Längst gehe es
nicht mehr um das „Ob“, es gehe allein noch um das „Wie“, sagte der Enwag-Chef. Fakt sei,
dass alle Netzbetreiber betroffen sind, der einzige Unterschied sei, dass die Enwag das
Problem kommuniziere. Weitere Informationsschreiben für die Verbraucher sind in Arbeit.